Karsamstag 1998
Ich wollte eigentlich jetzt den Tisch decken fürs Abendessen - kannst du
den Bücherkram
wieder wegräumen? Was suchst du bloß die ganze Zeit?
Wenn ich das selber richtig wüßte - aber genau das hab ich eben in
keiner Bibelübersetzung gefunden, nicht in der englischen, nicht in der
französischen, in der holländischen nicht und nicht in der
italienischen. In der griechischen kannst du ja gleich mal nachgucken - und
wenn du mit Wörterbuch die türkische entziffern würdest...
Hast du jetzt im April schon nen Sonnenstich? Du weißt nicht, was du
suchst und krempelst seit zwei Stunden alles von unterst zu oberst?
Na ja, so ungefähr weiß ich wohl - ich dachte bloß - es
gibt doch sonst von allen Berichten irgendwo Parallel-Stellen. Entweder
Bezüge zum Alten Testament oder anderen Stellen im Neuen. Oder wenigstens
bibelhistorische Kommentare in den Konkordanzen. Aber dadrüber ist
überall Schweigen im Walde. Nur Matthäus hat diesen Satz
dazwischengequetscht, und der ist in den verschiedenen Sprachen der
Bibelausgaben, die wir hier haben, total identisch.
Und was ist das für ein geheimnisvoller Satz?
Hör dir das an: Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen, und die
Gräber taten sich auf, und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da
schliefen, und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen
in die heilige Stadt und erschienen vielen.
Na und? Wo im Totenreich plötzlich der Bär los war, haben ein paar
ganz Mutige gleich mal den neuen Auferstehungsleib genutzt und endlich alle
existierenden Dimensionen ausprobiert.
Stellst du dir das so vor? Das unser neuer Leib außer den
unsichtbaren Welten und Dimensionen auch noch die jetztige Form von
Materiekonzentration nutzen kann?
Ja, wieso nicht? Denk mal an die Berichte von den Erscheinung des
Auferstandenen!
Er war plötzlich da, obwohl alle Türen verschlossen waren, er konnte
aber essen und trinken und seine Wundmale betasten lassen. Und wenn dann gesagt
wird, daß wir ihm gleich sein werden, wird das wohl auch stimmen.Du hast
schließlich von den auferstandenen Heiligen damals in Jerusalem
angefangen, die wurden ja auch von den Leuten als Person eindeutig erkannt.
Du sagst das so flappsig! Ich krieg eine Gänsehaut bei dem Gedanken.
Nicht wegen dem tollen Gefühl, das die Lebendiggewordenen wohl hatten -
aber, stell dir mal vor, du wärst damals in Jerusalem nichtsahnend am
Kuchenbacken gewesen, und dann klingelt oder klopft es draußen. Du machst
auf - und vor dir steht Tante Esther in ihrem hellgrünen Sommer-Obergewand
und mit diesem verschmitzten Lächeln um den Mund, das sie vor zwanzig
Jahren sogar auf ihrem Totenbett noch hatte!
Na, Mahlzeit! Da hätte sogar ich sicher den Kuchenlöffel abgegeben,
-ich meine- fallengelassen. Aber - wenn ich noch in der Stimmung von Karfreitag
gewesen wäre, hätte ich erstens nicht seelenruhiug einen Kuchen
gebacken, und zweitens in der ersten Schrecksekunde gesagt: Scher dich
zurück in die Hölle, du böser Geist und mach dich nicht auch
noch lustig über den Tod all unserer Hoffnung und unserer Liebe! Da
hätte Tante Esther schon schnell reagieren müssen, oder ihre neue
Existenz hätte die erste Beule abgekriegt!
Du liebe Zeit! Wir reden von Sachen, von denen wir Null Ahnung haben,
meinst du nicht? Und wenn ich dann noch dazunehme, was Paulus den Korinthern an
anderer Stelle dazu schreibt - nämlich das die neue Existenz in
ungefähr so einem Verhältnis zu den verwesten Körpern steht wie
ein stolzer, hoher Getreidehalm zu der verfaulten Hülle der Samenanlage im
Erdreich. Von der Gestalt her läßt sich da ja nun wirklich nichts
mehr vergleichen. Und trotzdem reizt es mich, mir auszumalen, wie das mit den
offenen Gräbern und dem Erscheinen der bereits toten Menschen war. Zum
Beispiel beschreibt Matthäus, das Erdbeben am Kreuzigungstag ja sehr
drastisch. Große Risse im Erdboden und zersprungene Felsen - solche
Bilder kennen wir ja zur Genüge aus den Fernsehnachrichten. Also sind
dabei auch die Grabhöhlen durcheinandergeschüttelt worden. Nur - das
Erdbeben ist doch nicht deswegen passiert, damit die Toten endlich aus ihrer
Höhle raus konnten. Sie sind ja auch, laut Matthäus, erst nach der
Auferstehung des Herrn in Jerusalem aufgetaucht. Es heißt: bis zu diesem
Moment schliefen sie. Wie man sich das wohl vorstellen muß?! und warum
sind sie nicht am Karsamstag schon in die Stadt gegangen, um ihren Bekannten
den Anbruch der neuen Zeit zu demonstrieren?
Du hast Sorgen! Begreifst du denn nicht, daß sie erst leben und sichtbar
werden konnten,
nachdem Jesus im Totenreich alles erledigt hatte? Erst mußte der Tod
endgültig entmachtet sein, dann stand auch den Menschen, die immer schon
Christus gehörten, die gleiche Lebensform zur Verfügung, die er
erstritten hat. Paulus hat das doch sehr genau beschrieben. Schlag mal auf, 1.
Brief an die Gemeinde in Korinth, Kap. 15, Vers 20.
Nun ist Christus auferstanden von den Toten und der Erstling geworden unter
denen, die da schlafen.
Und drei Verse weiter?
Ein jeglicher aber in seiner Ordnung. der Erstling Christus, danach die,
die Christus angehören.
Na, siehst du. Paulus bezieht sich zwar hier hauptsächlich auf die Fragen
der damaligen Gemeinde, aber die Ordnung stand fest.
Ja, ist mir jetzt klar! Aber ich hatte noch einen Gedanken. Richtig, das mit
dem Reich des Todes. Satan wird ja öfter erwähnt, schon am Anfang
der Bibel, und zwar als Person, ebenso wie die Erzengel. Zum letzten Mal ist
in der Offenbarung des Johannes von ihm die Rede, wenn er zusammen mit all
seinen Gehilfen dorthin verbannt wird, was "der zweite Tod" genannt wird und
was so unvorstellbar grausam sein muß, das es dafür keine passenden
Menschenworte gibt. Ich schätze, daß unser guter Luther mit
"feuriger Pfuhl" das Schrecklichste beschrieben hat, was die Leute sich damals
denken konnten. Einige Verse vor der Beschreibung vom Ende des Satans
heißt es: Der Tod und sein Reich wurden ebenfalls in diesen feurigen
Pfuhl geworfen, und es wird noch gesagt, das sei der zweite, der
endgültige, Tod. Ist der der erste Tod dann auch eine Person, so wie
Satan, oder nur ein Prinzip?
Wie bist du bloß von Karsamstag auf diese Endzeitbilder gekommen?
Na, wegen dem Tod! Aber nirgendwo sonst in der Bibel kommt etwas vor,
aus dem man entnehmen könnte, daß der Tod eine Person ist!
Frag mich mal was Leichteres! Ein Gerippe mit einer scharfen Sense und einem
schwarzen Umhang um die schlotternden Knochen ist es ganz bestimmt nicht - also
das weiß ich genau! Und welche Zerstörungskräfte Jesus im
sogenannten Reich des Todes überwunden hat, das ist ja wohl ein Ende zu
hoch für unsere dreidimensionalen Köpfe. Sag doch endlich mal: amen
und laß die dummen Spintisierereien sein!
Laß mich doch mal spinnen! Ich find es toll, daß wir
überhaupt so viel wissen dürfen von den so anderen Welten. Aber- was
wir verstehen dürfen,ist wahrscheinlich weniger als das, was ein
Mini-Taschenlampenstrahl in stockfinsterer Nacht beleuchtet. Immerhin ist das
besser als nichts.
Ja, klar. Ich freu mich ja auch über jeden Zusammenhang, der mir beim
Bibellesen klar wird, und ich finde es prima, daß wir als Menschen mit
engem Kontakt zum Herrn aller Dinge manches viel klarer sehen, als die
gelehrtesten Leute.
Na, ich räum meine Sachen doch besser jetzt schnell weg. Wenn ich
nämlich meinen Energievorrat nicht bald nachfülle - wo es aus der
Küche schon so appetitlich riecht -
dann hinken meine geistigen Fähigkeiten meinen geistlichen zu sehr
hinterher, -da steh ich nicht so drauf.